Aktuelles aus dem Bistum Rottenburg-Stuttgart

Im Folgenden dokumentieren wir einen Brief, der von Religionslehrerinnen und Religionslehrern an beruflichen Schulen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart an Herrn Bischof Dr. Fürst geschickt wurde.

Dem Brief wurden 70 Unterschriften angefügt.

Untermarchtal, den 1. April 2011

Sehr geehrter Herr Bischof Dr. Fürst,

als Religionslehrerinnen und Religionslehrer an Beruflichen Schulen stehen wir täglich in der Auseinandersetzung mit Jugendlichen über ihre Lebensfragen und bemühen uns um die Weitergabe des Glaubens an diese jungen Menschen. Diese Aufgabe ist oft nicht leicht, jedoch äußerst wichtig und notwendig. Sie ist für uns kein „Job“, sondern ein Herzensanliegen.

Überwiegend haben wir es mittlerweile mit Jugendlichen zu tun, deren Elternhäuser wenig Raum für religiöse Erfahrungen bieten und die kaum noch Kontakt zur Kirche haben. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Jugendlichen nicht offen wären für religiöse Fragen oder nicht Orientierung suchten für ihr Leben. Allerdings erwarten sie überzeugende und glaubwürdige Antworten und Vorbilder.

Auf unserer diesjährigen Jahrestagung in Untermarchtal kam in vielen Gesprächen die Not und Zerrissenheit deutlich zur Sprache, in der wir uns beim Versuch, diesen Erwartungen gerecht zu werden, tagtäglich befinden:

  • Wie können wir den Glauben vermitteln, wenn die Kirche so viel von ihrer Glaubwürdigkeit verloren hat?
  • Wie sollen wir unseren Schülern die Parabel vom barmherzigen Vater verständlich machen, wenn die Kirche unbarmherzig mit Leuten umgeht, die ihren Weg verloren oder einen eigenen, nicht den Normen der Kirche entsprechenden Weg eingeschlagen haben?
  • Wie sollen wir die prophetische Rede Jesu und seine Kritik an den Pharisäern und Sadduzäern interpretieren, wenn in der eigenen Kirche prophetische Rede nicht gehört wird und oft ängstliche Kleingläubigkeit und starre, dogmatische Rechtgläubigkeit vorzuherrschen scheinen?
  • Wie sollen wir Schülern eine Körper bejahende, ganzheitliche, verantwortliche Sexualmoral vermitteln, wenn die kirchliche Sexualmoral von Ängstlichkeit und Verboten geprägt ist?
  • Wie sollen wir die Erzählung von der Begegnung Jesu mit der Ehebrecherin unseren Schülern erschließen und wie über die Macht der Liebe, der Versöhnung und der Vergebung sprechen, wenn wiederverheiratete Geschiedene in unserer Kirche zu den Sakramenten nicht zugelassen werden?
  • Wie sollen wir unseren Schülern vermitteln, dass vor Gott alle Menschen gleich sind und Jesus in für seine Zeit ungewöhnlicher Weise Frauen wertgeschätzt hat, wenn in unserer Kirche Frauen vom Weiheamt ausgeschlossen bleiben?
  • Wie sollen wir Jugendliche faszinieren für ein Engagement oder einen Beruf in der Kirche, wenn sie Kirche als nicht relevant für ihr Leben und nicht glaubwürdig erleben?
  • Wie sollen wir die Kirche als ‚ecclesia semper reformanda’ vertreten, wenn gut begründete Reformen und Veränderungen häufig blockiert werden?
  • Wie sollen wir mit Schülern über Ökumene und Einheit reden, wenn evangelische Mitchristen vom gemeinsamen Mahl ausgeschlossen werden?
  • Wie sollen wir den Gott Jahwe spürbar machen, der in Beziehung zu uns Menschen treten möchte, wenn Communio in der Kirche von Jugendlichen kaum noch erfahren wird?
  • Wie sollen wir begeistert und leidenschaftlich die Botschaft Jesu verkünden, wenn wir selbst so selten das Wirken des Heiligen Geistes in der Kirche erleben?

Wir beobachten mit großer Sorge, dass die Jugendlichen der Kirche keine Kompetenz in ihren Lebensfragen mehr zutrauen. Deswegen möchten wir Sie mit diesem Brief  ermutigen, sich für den aus unserer Sicht dringend notwendigen Reformprozess einzusetzen.

Wir tragen die im Memorandum der Theologieprofessoren genannten Vorschläge mit und begrüßen die im Diözesanrat und in vielen Gemeinden unserer Diözese erkennbaren Aufbrüche.

Uns als Religionslehrerinnen und Religionslehrern an beruflichen Schulen ist es wichtig, aktiv am jetzt beginnenden Dialogprozess mitzuwirken.

Mit freundlichen Grüßen

Die Unterzeichnenden

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